L’homme de résonance

02 juin 2012

* German Only *
„Der klingende Mensch“
Vincent Royer – Bratschist, Improvisator, Komponist

„Die Bratschen, keiner sieht sie, keiner hört sie, aber der himmlische Vater ernährt sie doch.“ Hier und da kursieren zwar noch „Bratschenwitze“, sie muten aber anachronistisch an und ringen Vincent Royer allenfalls ein müdes Lächeln ab – denn die Viola hat sich gegenüber ihrer kleinen Schwester, der Violine, mittlerweile nachdrücklich emanzipiert. Das heißt aber nicht, dass sie der Geige klanglich bloß nacheifern würde. Vielmehr ist es ihr ureigenes Kolorit, das Warme und Elegische einerseits und das Spröde und latent Kratzbürstige andererseits, das im Zuge der „Moderne“ einen völlig neuen Stellenwert erhielt. Und wenn Paul Hindemith die diesbezügliche Bedeutung der Viola in seiner Vortragsanweisung „Tonschönheit ist Nebensache“ (im vierten Satz seiner Sonate op. 25,1) auch pointiert zuspitzte, so steht dahinter ein Klangideal, das auf Wandlungsprozesse deutet, die bis in die Jetztzeit anhalten.

Für Vincent Royer ist „Tonschönheit“ die Hauptsache – was er indes darunter versteht, unterscheidet sich nicht nur vom „klassischen Ideal“, sondern auch von den Vorstellungen Hindemiths gewaltig. In Royers Idee vom Klang unterliegen fixe Tonhöhen, Mikrotöne, Klangaggregate und Geräusche keiner Hierarchie mehr. Sie sind gleichberechtigt in seinem Streben nach klanglicher Freiheit, das ihn auf Entdeckungsreisen treibt. Stets forscht Royer nach neuen Klängen und Spieltechniken – wobei das „Mitschwingen“ des Materials (Holz- und Metallteile des Instruments) und klanganalytische Konzepte („spektrale Musik“) samt dem schier unerschöpflichen Potenzial der Naturtonreihe ihm Quellen der Inspiration sind. Die temperierte Stimmung empfindet er als eine überkommene Aufteilung, die wesentliche Elemente des Klangs, zumal jene, die im mikrotonalen Bereich angesiedelt sind, ausklammert. Aus der im Klangspektrum sich immer feiner ausdifferenzierenden Obertonreihe können dagegen sämtliche Tonbeziehungen abgeleitet werden.

Vor diesem Hintergrund wundert es fast, dass Vincent Royer in jungen Jahren vom „wohl temperierten“ Klavier geprägt wurde. Aufgewachsen ist er in einer Musik liebenden Familie; professionelle Ambitionen vermittelte ihm indes eine versierte Musikerin aus der Nachbarschaft. Sie begeisterte Vincent für die schwarzen und weißen Tasten und bot ihm eine fundierte Grundausbildung. Zu den Streichern fand er erst im Alter von 13 Jahren durch die Begegnung mit einer fast ebenso jungen Geigerin, deren Spiel und Ausstrahlung ihn tief beeindruckten. Dass seine Wahl dann auf die Bratsche fiel, hängt mit deren klanglichen Möglichkeiten und vor allem mit ihrer Nähe zum menschlichen Timbre zusammen. Gerade die Fähigkeit dieses Instruments, auch in die dunklen Seiten des Klangs einzutauchen, kam Vincent Royer entgegen, ist es ihm doch ein zentrales Anliegen, in und durch Musik psychisch-existenzielle Dimensionen hervorzukehren. Die Ausbildung in Freiburg, wo der zeitgenössischen Musik große Bedeutung zukommt, schärfte sein Verständnis dafür auf intuitiver wie rationaler Ebene entscheidend.

„Der klingende Mensch“ spielt in seinem künstlerischen Denken eine zentrale Rolle, und dies kommt in der Konzertsituation, im Live-Erlebnis, nach wie vor am Eindringlichsten zur Geltung. In seinem hoch konzentrierten interpretatorischen Ansatz paart sich die analytische Durchdringung des „Materials“ mit einer Auffassung vom Musiker als Medium, durch den die Klänge hindurch fließen und im Entstehen geformt werden. Dieser Prozess schlägt sich auch in rituellen und theatralischen Momenten nieder, die im Konzert Hand in Hand mit dem akribischen Ausloten struktureller Aspekte gehen. Eingedenk dessen, dass sich im Er- und Verklingen eines Tons im übertragenen Sinne Werden und Vergehen widerspiegeln, schwingen im „klingenden Menschen“ Seinsfragen unmittelbar mit. Diese Auffassung vom Klang, der mit dem Leben selbst eng verknüpft ist, gibt Royer auch in seiner pädagogischen Arbeit, etwa als Professor für Kammermusik (seit 2009) am Conservatoire Royal de Liège, an junge Musiker weiter.

Flankiert ist sein Wirken als Interpret vor allem neuer und neuester Musik von einer Hinwendung zum Schöpferischen: zum Komponieren und Improvisieren. Seine eigenen, nicht sehr zahlreichen Werke eröffnen eine geradezu magische Klangintensität, die sich in unterschiedlichen, zumeist kleineren Besetzungen entfaltet. Er schreibt beileibe nicht nur für „sein“ Instrument, legte mit „Lumen“ für Viola und Elektronik von 2003 aber ein betörendes Solostück vor. Auch im Umgang mit Live-Elektronik zeigt sich Royer auf der Höhe seiner Zeit, ohne die Tradition zu negieren. Bleiben seine Kompositionen bislang weitgehend aufs rein Musikalische fokussiert, so überschreitet er auf dem Feld der Improvisation auch die Grenzen zu anderen Genres und Medien. Royer arbeitet mit Malern und Tänzern mit dem Ziel, durch die Verbindung von visuellen und klanglichen Sphären die Wahrnehmung zu beflügeln. Dabei geht es weniger um Korrespondenzen zwischen Farbe und Klang im synästhetischen Sinne, sondern um den Faktor Bewegung – im realen wie im imaginären Raum. Für Royer selbst sind die Bewegungen beim Spielen, die körperlichen (gestischen) und seelischen Ausdrucksformen, die inneren und äußeren Regungen, ein essenzieller Bestandteil des Musizierens, durch sie wird die Zeit – und die Musik als „Zeitkunst“ – sichtbar. Gerade beim Improvisieren wächst diesem Phänomen eine herausgehobene Funktion zu. Royer improvisiert nicht nur solistisch, sondern auch im Kollektiv: Im Quatuor Brac hat er mit Tiziana Bertoncini (Violine), Martine Altenburger (Violoncello) und Benoit Cancoin (Kontrabass) großartige Mitstreiter gefunden; ebenso in Duos mit dem Saxophonisten Frank Gratowski, der visual artist Joëlle Tuerlinckx und dem Architekten und Videokünstler Matthias Siegert.

Obwohl seine Aktivitäten als Komponist und Improvisator keineswegs nur Nebensache sind, steht der Interpret im Vordergrund. Vincent Royer hat ein sehr breit gefächertes Solo- und Kammermusikrepertoire, das er ständig erweitert und mit ungewöhnlichen Projekten bereichert. Sehr wichtig für ihn wurde etwa die Begegnung mit dem rumänisch-französischen Komponisten Horatiu Radulescu, zu dessen herausragendem Interpreten er sich entwickelte – beide lernten sich 1988 in Darmstadt kennen. Royer coachte gar das Jack Quartet bei dessen Beschäftigung mit Radulescus Werken, und aus Royers eigenen Interpretationen sticht die CD „Intimate Rituals“ hervor. Entstanden ist Musik von ungeheurer emotionaler Dichte bei gleichzeitiger Zartheit und Zerbrechlichkeit. Genauso fesselnd gelangen ihm die an Klangcollagen gemahnenden „Trois Pièces pour Alto, Piano et son Mémorisé“ von Luc Ferrari (mit Jean-Philippe Collard-Neven als Klavierpartner) und „The Book of Scenes“ von David Shea.

Weitere Komponisten, die er sehr schätzt, sind Edgard Varèse, Gérard Grisey, Iannis Xenakis, John Cage, Eric Satie, Luciano Berio, Pierre Boulez, Pascal Dusapin sowie Claude Debussy, Jean-Philippe Rameau und Claudio Monteverdi, um nur einige zu nennen. Allein schon durch seine Mitgliedschaft in diversen Ensembles und Orchestern, so im Kölner Gürzenich-Orchester, ist er nicht aufs Zeitgenössische beschränkt, sondern mit der gesamten Musikgeschichte vertraut. Auch wenn die französische Tonkunst für den gebürtigen Straßburger einen Schwerpunkt bildet, so zeichnen ihn doch Vielfalt und ästhetische Offenheit aus. Schon im Hinblick auf seine Herkunft und erst recht auf seine künstlerische Identität sieht er sich als Grenzgänger, der (nicht nur) zwischen französischer und deutscher Tradition vermittelt.

Ein besonderes Augenmerk legt er auch auf Giacinto Scelsi, dessen Stücke für Viola er kongenial zum „Klingen“ bringt und den er einmal als seinen „spirituellen Vater“ charakterisierte. Damit ist indes nicht blinde Verehrung gemeint. Vielmehr teilt Royer mit Scelsi eine Demut vor dem Klang, die ihn auch davon abhält, sich an vordergründiger Virtuosität zu verlieren – obwohl gerade die Musik von Scelsi ein ungeheures spieltechnisches Vermögen verlangt. Für Royer ist Klang eng mit dem Bewusstsein verbunden. „Der klingende Mensch“ ist für ihn stets auch ein Suchender im eigenen Inneren, der jedoch die Außenwelt nicht ausblendet, sondern sie, im Gegenteil, reflektiert und wundersam in Töne transformiert.

Egbert Hiller



L’homme de résonance
from Vincent Royer.